Suche

Auf der Webseite des kürzlich verstorbenen Basler Publizisten Markus Kutter (*1925) findet sich der nachstehende Text, der die Geschichte des Domkapitels und der Ermitage auf anschauliche, lebendige Weise mit dem Zeitgeist des Rokoko verknüpft. Wir möchten Ihnen diese lesenwerten Betrachtungen nicht vorenthalten und Ihnen auch weitere Texteauf der Webseite von Markus Kutter empfehlen - es hat einige mit Bezug zu Arlesheims Vergangenheit.


Adeliges Rokoko
Die Geschichte kennt sowohl Sieger wie Verlierer. Die Geschichtsschreibung aber kennt mehr Sieger als Verlierer. Die, die den Schauplatz verlassen müssen, zerstreuen sich, und die Erinnerung an sie geht verloren. Was sagen uns noch die Namen der Rink von Baldenstein, derer von Eberstein, von Ligertz, von Schnorf, von Neveu, von Multenberg, von Reibelt, von Wangen, von Schönau, von Roggenbach? Mit Equipagen und Dienern, Kindern und Verwandten kamen und gingen sie vor etwas mehr als 200 Jahren aus dem Elsass, dem Breisgau, Sundgau und Sisgau einander besuchen, zogen im Sommer aufs Land, im Winter in ihre Stadtquartiere, musizierten, spielten, lasen einander Romane vor – wir sind in den etwas unwirklich anmutenden 70er und 80er Jahren des 18. Jahrhunderts am Vorabend der Französischen Revolution.

 


Die Schweiz interessierte die künstlerisch und intellektuell anspruchsvollen Europäer nicht nur ihrer Naturschönheiten wegen, sondern durchaus auch wegen ihrer politischen Vielfalt. Da gab es direkte oder Landsgemeinde-Demokratien, Aristokraten, Zunftregimenter und patrizische Staatsformen, gemeinsame Herrschaften und Untertanen,die ihrerseits wieder Untertanen hatten, sogar leibeigene. Und es gab Wahlmonarchien mit allem, was dazugehört: einem Wahlkapitel, einem Schloss mit fürstlichen Würdenträgern, einem Dienstadel, Landvögten und einem eigentlichen Hof.


Die Ostschweiz kannte den Fürstabt von St. Gallen; hier ist die Rede vom Fürstbistum Basel, das sich, nachdem Basel 1529 reformiert geworden war, von Reinach und Arlesheim bis nach Pruntrut, in die Ajoie und bis nach Biel erstreckte, also den Grossteil des heutigen Kantons Jura umfasste. Der Wahlmonarch, eben der Fürstbischof, sass in Pruntrut; der Hofstaat und die Wahlbehörde, das Domkapitel, sassen in Arlesheim, wo auch ein Landvogt residierte. Selbst wenn man schon damals nicht recht wusste, ob der Fürstbischof nun zu den Eidgenossen zählte oder nicht – er betrachtete sich als Reichsfürst und unterhielt zugleich ein Regiment in Frankreich –, so kann die heutige Schweiz darauf verweisen, dass unter ihren politischen Vergangenheitsformen vor gut 200 Jahren sogar Monarchien zu finden waren.


1679 kam das Domkapitel von Freiburg im Breisgau, wohin es vor der Reformation in Basel geflohen war, nach Arlesheim, diesmal auf der Flucht vor kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Franzosen. Sofort begann man zu bauen, zuerst am Dom und dann an der eigentlichen Residenz, die sich um den Dom herum bildete. Während rund 100 Jahren erlebte Arlesheim, das vorher nur aus etwa 30 armseligen Bauernhäusern bestanden hatte, so etwas wie einen Bau-Boom. Der basellandschaftliche Denkmalpfleger Rudolf Heyer sagt es so: „Die Anwesenheit des Domkapitels machte Arlesheim zu einem Anziehungspunkt für auswärtige Handwerker und Künstler. Sie kamen um der Aufträge willen ins Dorf, zogen nach Vollendung der Arbeiten wieder weg oder liessen sich dauernd nieder. Den Domherren selber war Privateigentum erlaubt, also bauten sie sich eigene Landsitze und Gärten. Sie befassten sich mit der Verwaltung der Güter des Kapitels, überliessen die kirchlichen Pflichten gern den Kaplänen und dem Dorfpfarrer.

Feste feierten sie in Pruntrut, für Studien und Geldgeschäfte ging man nach Basel, Treibjagden fanden im Elsass oder bei Ettingen statt. Ein Domherr musste nicht priesterlich geweiht sein, freilich nach aussen im Zölibat leben, vor allem musste er adliger Abstammung sein. Also hiessen sie zum Beispiel von Mahler, von Buchenberg, von Thurn, von Verger zu Moutier-Grandval. Sie waren um 1785 13 an der Zahl, hielten sich gegenseitig die höfischen Chargen zu und hatten zuletzt Franz Josef Sigmund von Roggenbach 1782 zum Fürstbischof gewählt. Aber im Untergrund bebte die Zeit schon. Nur kamen die Vorboten der Revolution, die 1792 die Arlesheimer Idylle buchstäblich mit der Axt zertrümmerte, wieder einmal aus der Ecke, in der sie keiner vermutete. Die Romane von Rousseau waren bei den gebildeten Zeitgenossen, vor allem den Damen, schon angekommen und ins Bewusstsein aufgenommen. In dieses neue Naturgefühl, das in einer ökonomisch unbelasteten Oberschicht als eine sehr subjektive Empfindsamkeit die Geister zur Verbrüderung rief, konnten auch die Gedichte Salomon Gessners aus Zürich eingebettet werden. Dasselbe geschah mit den Versehen von Virgil Jacques Delille (1738-1813), der damals noch über liebliche Täler, verklärte Hügellandschaften und schattige Pappeln am Bach dichtete, bevor er im Auftrag Robespierres seine Verse auf das „Höchste Wesen“ verfasste.


Zwischen 1782 und 1786 tauchte in Basel und Arlesheim Giuseppe Balsamo aus Palermo, besser bekannt als Graf Alexander Cagliostro, mit seiner schönen Frau Serafina Feliciana auf. Sie wohnte in Arlesheim bei Balbina von Andlau, der Gattin des fürstbischöflichen Landvogtes Franz Carl von Andlau. Diese soll der Maler Lauterburg (oder Loutherbourg) aus London für die Anlage der Arlesheimer Eremitage gerufen haben, wohl mit Zustimmung ihres Vetters, Heinrich von Ligertz, mit dem sie die Verwandlung der natürlichen Höhlen und Terrassen unterhalb des Schlosses Birseck in einen englischen und symbolischen Park betrieb. Cagliostro heilte unterdessen die Gattin des Seidenherren Jakob Sarasin von ihren Depressionen und überzeugte Johann Jakob Bischoff, im sogenannten Glöcklihof in Riehen eine Loge der ägyptischen Freimaurerei einzurichten. Christian Cajus Lorenz Hirschfeld, der auch von Goethe geschätzte Theoretiker der englisch orientierten Gartenkunst, reiste durch Basel, unterhielt sich wahrscheinlich mit dem Ratschreiber Peter Ochs, der schon bei einem früheren Strassburger Aufenthalt Freimaurer geworden war. Seine Geschichte der Stadt und Landschaft Basel widmete er der Prinzessin von Anhalt-Zerbst, die als Nachbarin und Verwandte des regierenden Fürsten Franz von Anhalt-Dessau die der Arlesheimer Eremitage verwandte Parkanlage von Wörlitz kannte. Sie hat wohl auch dafür gesorgt, dass 1788 Prinz Georg von Anhalt-Dessau, der Bruder des Fürsten, in Arlesheim vorbeikam – der reformerisch veranlagte Markgraf Carl Friedrich von Baden und Johann Kaspar Lavater aus Zürich waren schon vorher aufgetaucht.
Die Eremitage von Arlesheim, erbaut 1785 und von den internationalen Europareisenden bestaunt, mutet an wie ein spätes Werk des ancien régime im Rokoko-Zeitalter, ein Zeitvertreib für den letzten monarchischen Hof auf Schweizer Boden. Aber eine nur leichte Verschiebung des Blickpunktes zeigt diesen geradezu mythologischen Garten als einen Vorboten, sogar ein Signal einer schon ganz anderen und revolutionären Symbolik. Allgemeine, die Menschheit umfassende Ideen sollten dargestellt, die Gefühle des Betrachters sollten zugleich überhöht und verinnerlicht werden, christliche Elemente vermischten sich mit antiken Vorstellungen. Hinter dem Rokoko-Spielzeug einer adligen Gesellschaft erschien der riesige Schatten einer neuen Zeit und eines ganz anderen Weltbewusstseins.

Und wenn auch 1792 dieser Garten von Revolutionären – unter ihnen übles Gesindel – zerstört wurde, so soll man nicht übersehen, dass dieselbe Französische Revolution dann selber Gärten schuf, die in manchen Details der ursprünglichen Eremitage von Arlesheim glichen und sie vollendeten.